PROF. DR. CHRISTIAN THOMSEN:

»Ich werde mich auch zukünftig dafür stark machen, unsere akademische Freiheit aktiv gegen alle politischen, religiösen oder auch anderen sachfremden äußeren Einflüsse zu verteidigen.«

„War es bis vor wenigen Jahren noch undenkbar, dass Politiker oder auch religiöse Führer mitten in Europa oder den USA Wissenschaftler ernsthaft bedrängen oder versuchen Einfluss auf wissenschaftliche Ergebnisse zu nehmen, sieht die Welt heute anders aus. Ich möchte die Unabhängigkeit von Hochschulen bewahren. Einflussnahmen jedweder Art sollten wir mit einer proaktiven ehrlichen Wissenschaftskommunikation und einer guten Öffentlichkeitsarbeit entgegentreten.

In die gleiche Richtung zielt auch mein Einsatz für die Etablierung von ‚Open Science’ und ‚Citizen Science’ an der TU. Themen, die ich maßgeblich in den gemeinsamen Antrag der Berliner Universitäten zur Exzellenzstrategie einbringen möchte.

Ich werde mich weiter dafür einsetzen, dass die TU die neue Bauakademie als Ausstellungsforum, Forschungs- und Diskussionsplattform und als Ort der internationalen Begegnung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aktiv mitgestaltet. Die Bauakademie ist unser Ursprung und unsere Matrix. Für mich liegt ihre wichtigste Bestimmung in der Fähigkeit zum Dialog – zwischen Geschichte und Zukunft, zwischen den Disziplinen, zwischen den Generationen, zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit, mit Querdenkern und quer zu bestehenden Strukturen und Institutionen.

Neben einem für uns wichtigen Erfolg in der Exzellenzstrategie sehe ich persönlich in der möglichst reibungslosen Einführung des Campusmanagement-Systems, sowie der Umsetzung mehrerer großer Bauvorhaben auf dem TU-Gelände die größten Herausforderungen für die kommende Amtsperiode.“

Ausbildung

1978–81 Vordiplom der Universität Tübingen
1981–85 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Brown University, Providence, RI, USA
1984 Master of Science in Electrical Engineering
1985 Master of Science in Physics
1986 Ph.D. in Physics, Brown University
1991 Habilitation, TU München

Berufsweg

1986-87 PostDoc Brown University
1987-94 Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Festkörperphysik, Stuttgart
seit 1994 Hochschullehrer für experimentelle Festkörperphysik, TU Berlin (C4/W3)
1997-99 Vizepräsident für Lehre und Studium der TU Berlin
2003-14 Dekan der Fakultät II, Mathematik und Naturwissenschaften der TU Berlin
seit 2005 Wissenschaftlicher Leiter von innoCampus (ehem. MuLF)
2007-14 Mitglied des Akademischen Senats der TU Berlin
seit 2014 Vorsitzender des Technologiebeirats von Berlin Partner
seit 2014 Mitglied im Kuratorium der Technologiestiftung
seit 2015 Mitglied im Kuratorium des Fraunhofer-Instituts IZM
seit 2014 Präsident der TU Berlin

Auszeichnungen

1981-1982 Fulbright-Stipendium, Brown University
seit 1983 Studienstiftung des deutschen Volkes
1991 Walter-Schottky Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft

Wissenschaftliche Interessen und Methoden

Kohlenstoffnanoröhren, Graphen, Gruppe-III Nitride, anorganische Nanoteilchen, Hochtemperatursupraleiter, optische und Schwingungseigenschaften von Festkörpern und Molekülen, Raman- und optische Spektroskopie, hochfrequenter Ultraschall, Bandstrukturberechnungen, Teilprojektleiter im SFB 787 Nanophotonik

Publikationstätigkeit

Knapp 500 im Institute for Scientific Information ausgewiesene Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften mit über 16.000 Zitaten und einem Hirschfaktor von 62; zahlreiche wissenschaftliche Vorträge.
Ein wissenschaftliches Buch Carbon Nanotubes, (mit S. Reich und J. Maultzsch, Wiley-VCH Verlag, 2004) 220 Seiten; zwei Lehrbücher: Ein Jahr für die Physik (mit H.-E. Gumlich, W&T Verlag, 2008) ca. 400 S., Physik für Ingenieure für Dummies (Wiley, 2011, 2018) 500 S.; ein Patent (1987).

Fachübergreifende Aktivitäten

Langjähriges Mitglied im Berliner Programm zur Gleichstellung von Frauen in Lehre und Wissenschaft (Senat von Berlin). Entwicklung von eLehre und eForschung an der TU Berlin, insb. neue Lehr- und Lernformen und remote-gesteuerte Experimente für den Einsatz in der Servicelehre für Ingenieurwissenschaften; Gründungsdirektor von innoCampus (seit 2005); Organisator der International Winterschool on Electronic Properties of Novel Materials in Kirchberg, Österreich (seit 2008); Herausgeber Physica
Status Solidi (seit 2007) und Solid State Comm. (2007-12); Vorsitzender der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin (2006/07); Hochschuldidaktische Weiterbildung (2013): Mitglied bei acatech (2017)

10 Wichtigsten Publikationen

  1. Double resonant Raman scattering in graphite (1089 Zitate) C. Thomsen und S. Reich, Phys. Rev. Lett. 85, 5214-17 (2000) Mit dieser Publikation wurde ein langjähriges Problem der Lichtstreuung in Graphit gelöst, das sich in der Verallgemeinerung auf andere Festkörper und Kohlenstoffnanoröhren übertragen ließ und hohe Beachtung in der Community gefunden hat. Die Lichtstreuung ist die experimentelle Methode der meisten meiner wissenschaftlichen Arbeiten.
  2. Ein Jahr für die Physik: Newton, Feynmann und andere C. Thomsen und H.-E. Gumlich, (Wissenschaft & Technik, 1.-4. Auflage, 1995-2017) 430 Seiten Zusammen mit dem korrespondierenden Aufgabenbuch ist dieses Buch seit 1995 das Manuskript für die Vorlesung „Einführung in die Physik für Ingenieure“, für die ich seit meiner Berufung verantwortlich bin. Es beinhaltet die für die Ingenieursausbildung wichtigen Elemente der Physik in verständlicher Form und erfreut sich großer Beliebtheit.
  3. Einführung in die Physik für Ingenieure für Dummies C. Thomsen (Wiley, Weinheim, 1. und 2. Auflage, 2011), 500 Seiten Dieses Lehrbuch für Physik für Ingenieure wurde in der bekannten Reihe des Wiley-Verlags veröffentlicht und wird in Deutschland vielfach verwendet.
  4. Peer Instruction: Studierende helfen sich selbst Christian Thomsen, in ‚Vorlesung innovativ gestalten‘, Hrsg. Monika Rummler, (Beltz, Weinheim, 2014, pp. 140-148)In diesem Buchbeitrag führe ich eine neue Lehrform, das Unterrichten durch Kommilitonen am Beispiel der Physik für Ingenieure aus. Die Aufgabe des Dozenten bei Peer instruction beschränkt sich auf die Findung von innovativen Fragestellungen, anhand derer die Studierenden gemeinsam den Lehrstoff erarbeiten. Ein modernes Abfragesystem schafft die Motivation unter den Studierenden und führt zu einem hohen Lernerfolg. Peer instruction bietet aus meiner Sicht eine Alternative zu traditionellen frontal unterrichteten Lehre mit einer großen Anzahl Studierender.
  5. Surface Generation and Detection of Phonons by Picosecond Light Pulses (973 Zitate) C. Thomsen, H.T. Grahn, H.J. Maris, and J. Tauc, Phys. Rev. B34, 4129 (1986). Im Zuge meiner Dissertation habe ich eine neue Methode zur Erzeugung von ultrahohem Schall (Bereich 100GHz) entwickelt, die mit optischen Methoden extrem kurze Schallpulse generiert und deren Propagation in Festkörpern detektiert. Über die Jahrzehnte hat sich daraus ein eigenes wissenschaftliches Arbeitsgebiet in der Physik der Phononen entwickelt, zu dem ich selber nach Abschluss der Dissertation aber nicht mehr beigetragen habe.
  6. Exciton binding energies in carbon nanotubes from two-photon photoluminescence (501 Zitate) J. Maultzsch, R. Pomraenke, S. Reich, E. Chang, D. Prezzi, A. Ruini, E. Molinari, M.S. Strano, C. Thomsen, and C. Lienau, Phys. Rev. B 72, 241402 (2005). Die Größe der Bindungsenergie von Exzitonen in Kohlenstoffnanoröhren war lange Zeit umstritten bzw. nicht gemessen worden. Mit einer innovativen Methode wurde hier erstmals die Bindungsenergie in dem eindimensionalen System bestimmt und erfolgreich mit Berechnungen verglichen.
  7. Chirality distribution and transition energies of carbon nanotubes (507 Zitate) H. Telg, J. Maultzsch, S. Reich, F. Hennrich, and C. Thomsen, Phys. Rev. Lett. 93, 177401 (2004). Die Systematik der elektronischen Übergänge in der Vielzahl von Chiralitäten, die bei Kohlenstoffnanoröhren auftauchen, wurde in dieser vielbeachteten Publikation mittels Ramanstreuung bestimmt. Als Erklärung und auch als Methode zur Bestimmung der Chiralitäten hat sich die Arbeit zu einem Standard auf dem Wissenschaftsgebiet der Kohlenstoffnanoröhren etabliert.
  8. Zone-Boundary Phonons in Hexagonal and Cubic GaN (243 Zitate) H. Siegle, G. Kaczmarczyk, L. Filippidis, A.P. Litvinchuk, A. Hoffmann, and C. Thomsen, Phys. Rev. B 55, 7000 (1997). Im Rahmen der Beteiligung an zwei Sonderforschungsbereichen (SFB 296: Wachstumskorrelierte Eigenschaften niederdimensionaler Halbleiterstrukturenund SFB 787: Semiconductor Nanophotonics: Materials, Models, Devices) an der TU Berlin habe ich zahlreiche Arbeiten zur Spektroskopie an Halbleitern mit großen Bezug zu Anwendungen veröffentlicht. Diese Publikation hat wesentlich zur Klärung der Phononenbandstruktur in GaN beigetragen.
  9. Determination of the Superconducting Gap in RBa2Cu3O(7-∂) (291 Zitate) B. Friedl, C. Thomsen, and M. Cardona, Phys. Rev. Lett. 65, 915 (1990). In der Postdoc-Zeit am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart habe ich mich wissenschaftlich auf die faszinierende Hochtemperatur-Supraleitung konzentriert. Dabei ist es mir gelungen, den Einfluss der Elektron-Phonon-Kopplung für die Erklärung dieses technologisch wichtigen Materials nachzuweisen. Optische Lichtstreuung an Supraleitern ist das Thema meiner an der TU München eingereichten Habilitationsschrift.
  10. Unsere digitale Zukunft: Wissen, das uns bewegt Christian Thomsen, Kolumnen aus der Morgenpost (2015-17) ISBN 978-3-7983-2900-3 (Universitätsverlag der TU Berlin, 2017), 185 Seiten